Gutachtenstil: Mit einem starken Stil mehr Punkte machen. 

Radikal wichtig für deine Jura Klausur & Hausarbeit: Ein guter Stil! Hier die Anleitung zum Gutachtenstil und den übrigen Stilarten. Leicht zu vermeiden: 6 Fehler die besonders häufig zu drei oder weniger Punkten führen. Von Korrekturassistenten zusammengetragen💛. Hinweis: Hier findest Du PDF Reader für Dein Jura Studium.

 

A. Gutachtenstil: Anleitung

 

I. Gutachtenstil – ist das alles?

Nein! Im Jurastudium sind vier Stilarten gebräuchlich:

• Gutachtenstil

• Urteilsstil

• Feststellungsstil

• Schweigen

 

II. Sind alle Stilarten erlaubt?

An der Uni (insbes. in den ersten Semestern) ist häufig zu hören, dass Prüfungsleistungen ausschließlich im Gutachtenstil abzufassen seien. Das ist wohl falsch: Eine gute Klausur bzw. Hausarbeit zeichnet sich (u.a.) durch die gekonnte Kombination der genannten Stilarten (Gutachtenstil, Urteilsstil, Feststellungsstil und Schweigen) aus.

Eine Klausur oder Hausarbeit die “durchweg” im Gutachtenstil formuliert ist, zeugt von fehlerhafter Schwerpunktsetzung.

Hinweis für Anfangssemester: Von Anfangssemestern wird i.d.R. erwartet, dass diese ihre Prüfungsleistung vorrangig im Gutachtenstil abfassen. Mit fortschreitendem Studium verblasst diese Vorgabe und die Verwendung der übrigen Stilarten wird gebräuchlicher.

III. Funktion der Stilarten für deine Bearbeitung

Welche Funktion haben die Stilarten für die Prüfungsleistung? In der jura Klausur oder Hausarbeit musst du wiederholt prüfen, ob der Sachverhalt den Tatbestand einer Rechtsnorm erfüllt. Genau hier setzen die Stilarten (Gutachtenstil, Urteilsstil, Feststellungsstil und Schweigen) an.

IV. Inhalt: Der Inhalt der vier Stilarten

1. Der Gutachtenstil 

Mit dem Gutachtenstil löst du die Problemstellung (erfüllt der Sachverhalt den Tatbestand einer Rechtsnorm) in vier Schritten – eigentlich ganz einfach: 

• Obersatz 

Im Obersatz fragst du, ob der Sachverhalt das Tatbestandsmerkmal erfüllt. 

Exemplarisch: Fraglich ist, ob die Flasche eine Sache ist. 

• Definition 

Im zweiten Schritt definierst du das Tatbestandsmerkmal. 

Exemplarisch: Eine Sache ist jeder körperliche Gegenstand.  

• Subsumtion 

Im dritten Schritt prüfst du, ob der Sachverhalt unter die Definition “passt”. Hinweis: Die Subsumtion wird zum Teil auch als Untersatz bezeichnet. 

Exemplarisch: Die Flasche ist ein körperlicher Gegenstand.

• Ergebnis

Im letzten Schritt hältst du fest, ob der Sachverhalt das Tatbestandsmerkmal erfüllt. Hinweis: Zum Teil wird das Ergebnis auch Schlusssatz oder Konklusion genannt. 

Exemplarisch: Die Flasche ist eine Sache.

2. Der Urteilsstil 

Mit dem Urteilsstil löst du die Problemstellung – “passt” der Sachverhalt unter den Tatbestand – in zwei Schritten. 

• Ergebnis 

Zunächst stellst Du fest, ob der Sachverhalt das Tatbestandsmerkmal der Rechtsnorm erfüllt. Das Ergebnis wird also an den Anfang gestellt. 

Exemplarisch: Die Flasche ist eine Sache, … 

• Begründung 

Im zweiten Schritt begründest du das Ergebnis.

Exemplarisch: …, da dieser ein körperlicher Gegenstand ist.  

3. Der Feststellungsstil 

• Ergebnis  

Mit dem Feststellungsstil stellst du das Ergebnis einfach fest. Eine Begründung unterbleibt. 

Exemplarisch: Die Falsche ist eine Sache. 

4. Schweigen 

Das Tatbestandsmerkmal bleibt unerwähnt. 

5. Der Inhalt der Stilarten im Überblick

V. Anwendung: Wann ist welche Stilart anzuwenden?

Gutachtenstil, Urteilsstil, Feststellungsstil oder Schweigen… wann findet welche Stilart Anwendung? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Als Ausgangspunkt empfehlen wir folgende Testfrage: Passt der Sachverhalt unter den Tatbestand? 

1. Anwendung des Gutachtenstils 

Wenn unklar ist, ob der Sachverhalt unter den Tatbestand “passt”, findet der Gutachtenstil Anwendung. Nice: Der Gutachtenstil hilft umfassende Auseinandersetzungen zu strukturieren. 

2. Anwendung des Urteilsstils 

Der Urteilsstil findet Anwendung, wenn weder klar noch unklar ist, ob der Sachverhalt von der Rechtsnorm erfasst ist. Der Urteilsstil ist gewissermaßen der “Mittelweg” zwischen dem Gutachtenstil und dem Feststellungsstil.

3. Anwendung des Feststellungsstils 

Der Feststellungsstil ist anzuwenden, wenn der Sachverhalt klarerweise (also offensichtlich) von dem Tatbestand der Rechtsnorm erfasst ist. 

4. Wann darfst du Schweigen

Vereinzelt bleiben Tatbestandsmerkmale in der Lösung auch unerwähnt. Die “Stilart” Schweigen  solltest du aber zurückhaltend anwenden. Im Zweifel empfehlen wir den Feststellungsstil. Die Anwendung der “Stilart” Schweigen setzt in der Regel zweierlei voraus:

• Erste Voraussetzung 

Der Sachverhalt muss das Tatbestandsmerkmal ganz offensichtlich erfüllen. 

• Zweite Voraussetzung 

Das Schweigen zur Tatbestandsvoraussetzung muss (i.d.F.) gängig sein. Mit anderen Worten: Das Unterlassen der Prüfung der Tatbestandsvoraussetzung muss (für den Fall, dass die Tatbestandsvoraussetzung offensichtlich erfüllt ist) allgemein üblich sein. 

Beispiel aus dem Zivilrecht: Die Übereignung nach § 929 S. 1 BGB setzt eine Einigung voraus. Diese muss nach herrschender Meinung auch zum Zeitpunkt der Übergabe vorliegen. Das Tatbestandsmerkmal (Vorliegen zum Zeitpunkt der Übergabe) ist aber nur zu prüfen, wenn diesbezüglich Probleme bestehen. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Das Tatbestandsmerkmal Einigung (§ 929 S. 1 BGB) ist zwingend zu prüfen. 

Beispiel aus dem Strafrecht: Kausalität und objektive Zurechnung werden üblicherweise nur angesprochen, wenn diesbezüglich Unklarheiten bestehen (Achtung: in den Anfangssemestern kann etwas anderes gelten). 

Beispiel aus dem Verwaltungsrecht: Das allgemeine Rechtsschutzbedürfnis (Zulässigkeit der Klage) wird in der Regel nur geprüft, wenn diesbezüglich Unklarheiten bestehen. 

5. Anwendung der Stilarten im Überblick

VI. Stil kann man lernen 

Voraussetzung für gute Jura Klausuren und Hausarbeiten ist eine sichere Anwendung der genannten Stilarten. Das gekonnte Formulieren ist eine Schlüsselkompetenz für Studium und Beruf. Deshalb lohnt es sich hier einen Fokus zu setzen. Drei Tipps zum Erlernen der Stilarten:

• Tipp1: Fälle, Fälle, Fälle 

Die Stilarten erlernt man nicht am Reißbrett, sondern durch praktische Anwendung d.h.  Fallbearbeitung. Unser best of Tipp: Fälle, Fälle, Fälle! 

• Tipp2: Stilart bewusst wählen 

Du solltest ein Gespür dafür entwickeln, wann welche Stilart Anwendung findet. Entscheide dich bei der Bearbeitung von Sachverhalten bewusst dafür in welcher Stilart du formulierst, bevor du mit dem Formulieren beginnst . 

• Tipp3: Stilart konsequent anwenden

Ebenso bedeutsam ist, dass du die Stilarten sicher anwenden kannst. Mit anderen Worten: Du musst die Schrittfolgen der Stilarten aus dem FF beherrsen. Tipp:Trainiere die Schrittfolgen der von dir gewählten Stilart konsequent.  

VII. Abgrenzung: Gutachten und Urteil 

By the way – für Nerds: Es empfiehlt sich die Begriffe Gutachtenstil und Urteilsstil vom Gutachten und dem Urteil abzugrenzen. Zur Klarstellung einer kleiner Exkurs. Unstrittig: Bis zum ersten Examen werden Prüfungsleistungen (Hausarbeiten & Klausuren) im Studium der Rechtswissenschaften ausschließlich im Gutachten gelöst: Der rote Faden spannt sich von der Rechtsfrage (Bsp.: “Welche Ansprüche hat A”, “Wie hat sich der A strafbar gemacht”) zum Ergebnis (Bsp.: “Der A hat einen Anspruch aus § 433 I BGB”, “Der A hat sich gemäß § 223 I StGB strafbar gemacht”). Urteil: Der Richter macht es umgekehrt: Die Entscheidung beginnt mit dem Ergebnis und die Begründung folgt in einem zweiten Schritt. 

B. Basics – Beispiele  

I. Beispiel für das Strafrecht 

Sachverhalt: A schlägt dem B kräftig auf die Nase, die Nase blutet. Aufgabe: Liegt eine Gesundheitsschädigung gem. § 223 I StGB vor? 

• Lösung Im Gutachtenstil 

– Obersatz 

Fraglich ist, ob eine Gesundheitsschädigung vorliegt. 

– Definition 

Eine Gesundheitsschädigung ist jedes Hervorrufen oder Steigern eines pathologischen Zustandes (Vgl. Fischer, Kommentar zum StGB, § 223, Rn.:7). 

– Subsumtion 

Die Nase de B blutet, dies ist ein krankhafter also pathologischer Zustand. 

– Ergebnis 

Eine Gesundheitsschädigung gem. § 223 I StGB liegt vor. 

• Lösung Im Urteilsstil 

– Ergebnis 

Eine Gesundheitsschädigung liegt vor, … 

– Begründung 

da der A einen pathologischen Zustand, namentlich das Bluten der Nase, hervorrief. 

• Lösung im Feststellungsstil 

– Feststellung 

Eine Gesundheitsschädigung liegt vor.

II. Fallbeispiel für das Zivilrecht

Sachverhalt: Der A wirft eine Postkarte in den Briefkasten des B. Aufgabe: Ist die Postkarte dem B am darauf folgenden Tag zugegangen? 

• Lösung Im Gutachtenstil 

– Obersatz 

Fraglich ist, ob die Postkarte dem B zugegangen ist. 

– Definition 

Der Zugang ist zu bejahen, wenn die Willenserklärung in den Machtbereich des Empfängers gelangt und unter gewöhnlichen Umständen mit der Kenntnisnahme zu rechnen ist. 

– Subsumtion 

Der Briefkasten des B, liegt im Machtbereich des Empfängers B. Unter gewöhnlichen Umständen ist damit zu rechnen, dass der Empfänger B am Folgetag von der Willenserklärung Kenntnis genommen hat. 

– Ergebnis 

Die Postkarte ist zugegangen.

• Lösung im Urteilsstil 

– Ergebnis 

Die Postkarte ist dem B zugegangen, … 

– Begründung 

da sie in den Machtbereich gelangt ist und unter Zugrundelegung gewöhnlicher Umstände mit der Kenntnisnahme des B zu rechnen ist. 

• Lösung im Feststellungsstil 

– Feststellung 

Die Postkarte ist dem B zugegangen. 

III. Fallbeispiel im Öffentlichen Recht

Sachverhalt: Der Polizist A schlägt den B, obwohl eine Aufforderung ebenso wirksam gewesen wäre. Aufgabe: Ist der Schlag des Polizisten A erforderlich? 

• Lösung im Gutachtenstil 

– Obersatz 

Fraglich ist, ob der Schlag des Polizisten A erforderlich ist. 

– Definition 

Die Erforderlichkeit ist zu bejahen, wenn es an einem milderen und zugleich gleichwirksamen Mittel fehlt. 

– Subsumtion 

Die Aufforderung ist ein milderes Mittel, welches gleichwirksam war.

– Ergebnis 

Der Schlag des Polizisten A ist nicht nicht erforderlich. 

• Lösung im Urteilsstil 

– Ergebnis 

Der Schlag des Polizisten A ist nicht erforderlich, …

– Begründung 

da ein milderes und gleichwirksames Mittel, namentlich die Aufforderung, vorlag. 

• Lösung im Feststellungsstil 

– Feststellung 

Das Schlag des Polizisten A ist nicht erforderlich.

C. 6 Fehler für ein “Nicht bestanden” 

Wir haben unzählige Hausarbeiten und Klausuren analysiert. Hierbei fällt auf, dass bestimmte Fehler besonders häufig zu einer Bewertung mit weniger als 4 Punkte führen, obwohl diese Fehler leicht vermeidbar sind. Aporpos: Du bist durch deine Prüfungsleistung (Klausur oder Hausarbeit) gefallen und möchtest remonstrieren? Auf unserer Parnerseite Remonstration Jura findest Du viele Tipps für Deine Remonstration. 

• Fehlerhafte Wiedergabe des Sachverhaltes 

Dauerbrenner: Der Sachverhalt wird falsch wiedergegeben. Versuche den Sachverhalt exakt zu durchdringen und orientiere deine Lösung möglichst genau an den Sachverhaltsangaben. Tipp: Sachverhalt wiederholt und gründlich lesen, Skizzen (Beziehungsskizze, Zeitstrahl) anfertigen.  

• Aufgabenstellung / Bearbeitervermerk ignoriert 

Platz zwei: Aufgabenstellung/Bearbeitervermerk wird ignoriert. Zeitloser Klassiker. Bearbeitervermerk: “Die Strafbarkeit des A ist nicht zu prüfen”. Der Prüfling setzt sich trotzdem umfassend mit der Strafbarkeit des A auseinander. Ein Tipp aus der “kann man mal probieren Kiste”: Erst Aufgabenstellung und Bearbeitervermerk lesen und dann im zweiten Schritt den Sachverhalt lesen. 

• Inkonsequenter Lösungsweg 

Dein Lösungsweg muss konsequent sei, dass heisst (v.a.): Halte dich an die von dir gefundenen Ergebnisse. Krasses Beispiel aus dem Strafrecht: Der Tatbestand des Deliktes (Bsp.: Körperverletzung § 223 I StGB) wird verneint und anschließend wird trotzdem geprüft, ob diesbezüglich ein Rechtfertigungsgrund (Bsp.: Notwehr gem. § 32 StGB) greift. Krasses Beispiel aus dem Zivilrecht: Im Ergebnis wird festgestellt, dass ein Anspruch (Bsp. aus § 433 I BGB) nicht entstanden ist und trotzdem wird geprüft, ob der Anspruch (Bsp. wegen Erfüllung nach § 362 BGB) erloschen ist. 

• Zeitmanagement: Nicht zu Ende prüfen

Wofür gibt es garantiert keine Punkte? Für eine fehlende Prüfung. Insbesondere Klausuren werden häufig nicht bis zum Schluss geprüft. Du solltest versuchen alle Aufgabenteile zu prüfen. Klausuren sind i.d.R. darauf ausgelegt dich unter Zeitdruck zu setzen – Dein Prof möchte checken wie du unter Zeitdruck tickst. Tipp:  

DesDu Aufgabenteile bis zum Schluss zu prüfen. 

• Mit dem Gesetz arbeiten 

Zum Stil: Arbeite mit dem Gesetz. Zitiere das Gesetz möglichst genau. Löse den Sachverhalt „nicht aus dem Kopf“. 

• Nur Relevantes 

Zum Stil: „Keine lehrbuchartigen Ausführungen“: Auch gelerntes darf nicht einfach abgespult werden, ohne dass dies für die Lösung relevant ist.

Optimale Vorbereitung auf die Klausur! Egal, ob Du einfach nur bestehen willst oder richtig gut werden möchtest.

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Durchgefallen? Vielleicht kann dich eine Remonstration ins Bestehen hieven.

Weitere Anleitungen zum Gutachtenstil:

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3 Kommentare

  1. Super Anleitung vielen Dank! Sonst sind die Darstellungen oft auf Gutachtenstil beschränkt – so ist es besser!

    Antworten
    • Hey Ani, vielen lieben Dank für Dein Lob:). Wir versuchen die Anleitung zum Gutachtenstil und den übrigen Stilarten weiter zu optimieren. Beste Grüße Marie vom JuraBlau Team!

      Antworten
  2. Hallo, danke für die Hinweise. Konnte es gut verstehen, könnt ihr mir ein Buch empfehlen. Oder etwas womit ich urteilsstil und gutachtenstil lernen kann?

    Antworten

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